Spatenstich für die Wertachtal-Werkstätten in Marktoberdorf

Die 2H Objekt GmbH mit den Geschäftsführerinnen Nina und Jana Höbel investiert rund 13,5 Millionen Euro in eine neue Werkstatt für Menschen mit Behinderung. 144 Beschäftigte mit Behinderung und 36 weitere sollen dort ab Sommer 2028 arbeiten – die Lebenshilfe mietet das Gebäude für mindestens 30 Jahre.

Marktoberdorf – Wo bis vor Kurzem die alten Gebäude der Wertachtal-Werkstätten standen, ist das Gelände geräumt, der erste Kran steht bereits. Am Mittwochnachmittag, 28. Oktober 2026, haben Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Lebenshilfe, Planung und Bauwirtschaft dort den ersten Spatenstich für einen Neubau gesetzt. Bauherrin ist die 2H Objekt GmbH, geleitet von Nina und Jana Höbel. Die Ernst Höbel GmbH als Generalunternehmen errichtet das Gebäude schlüsselfertig.

Corona brachte die Pläne ins Wanken

Dass die bisherigen Gebäude ausgedient hatten, war schon vor mehr als zehn Jahren klar. „Die Gebäude waren nicht nur alt, sondern auch zu klein. Der energetische Zustand war katastrophal“, sagt Klaus Prestele, Geschäftsführer der Lebenshilfe Ostallgäu-Kaufbeuren. Eine Sanierung kam aus wirtschaftlichen Gründen nicht infrage.

Ursprünglich wollte die Lebenshilfe selbst bauen, finanziert mit eigenen Mitteln und Fördergeldern. Dann kam die Pandemie: Die Fördermittel für Neubau und Modernisierung von Werkstätten für Menschen mit Behinderung wurden bundesweit eingefroren. Die Lücke zwischen Baukosten und Förderung wurde zu groß.

Umsetzung mit Investorenmodell

Der Ausweg war die Ausführung als Investorenmodell: Ein privater Partner baut, die Lebenshilfe mietet langfristig. Im Werkstättenbereich in Schwaben war das bislang völlig unüblich, es handelt sich um ein Pilotprojekt. Entsprechend intensiv waren die Gespräche mit dem Bezirk Schwaben als Kostenträger. Am Ende überzeugten Lebenshilfe und Familie Höbel gemeinsam. Den Anstoß für die Zusammenarbeit hatte Marktoberdorfs früherer Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell gegeben.

„Eine echte Herzensangelegenheit“

Lebenshilfe und HÖBEL arbeiten seit Jahren zusammen, unter anderem bei einem Wohnprojekt in Marktoberdorf. „Für uns ist das eine echte Herzensangelegenheit“, sagt Nina Höbel. „Wir sehen in unserem Bekanntenkreis, wie viel Freude die Arbeit in einer Werkstätte macht. Die Menschen werden dort selbstständiger und erfahren Wertschätzung. Mit dem Neubau wollen wir unserer sozialen Verantwortung gerecht werden.“

Ihre Schwester Jana Höbel betont den Anspruch an das Gebäude: „Wir wollen nicht irgendein Gebäude errichten, sondern eines, das genau den Anforderungen und Wünschen der Wertachtal-Werkstätten entspricht.“ Seit dem vergangenen Jahr planen Bauherrin, Architekten und Werkstattteam deshalb gemeinsam. Prestele weiß das zu schätzen: „Hier arbeiten Menschen mit Behinderung, und sie haben manchmal andere Bedarfe an ein Gebäude. Wir haben einen hervorragenden Partner, der uns zuhört.“

Anerkennung von Landkreis und Stadt

Landrat Bernd Stapfner wich, beeindruckt von der „Frauenpower“ der beiden Geschäftsführerinnen, sogar von seinem vorbereiteten Grußwort ab: „Ein Familienunternehmen aus dem Ostallgäu investiert rund 13,5 Millionen Euro in ein Projekt der Lebenshilfe. Das verdient große Anerkennung.“ Auch der Lebenshilfe zollte er Respekt dafür, in Zeiten knapper Kassen neue Wege zu gehen. Inklusion und Teilhabe hätten für den Landkreis Vorrang.

Erster Bürgermeister Michael Eichinger berichtete von einem Treffen mit rund dreißig Amtskollegen am selben Vormittag in Memmingen. Während dort viel geklagt worden sei, habe er erzählen können, dass in Marktoberdorf investiert werde. Die Stadt werde das Projekt weiter unterstützen, damit hier „nicht nur ein großes, sondern ein großes und erfolgreiches Haus“ entstehe. Auch Christoph Dannigkeit, Vertreter im gewählten Werkstattrat, lobte die Zusammenarbeit und freut sich bereits auf das neue Gebäude.

Holzfassade, Kantine und Dachterrasse

Das Gebäude, geplant vom Architekturbüro Stadtmüller.Burkhardt.Graf, besteht aus zwei Teilen. Im Osten entsteht ein dreigeschossiger Verwaltungsbau mit Büros, Tagungsräumen und Umkleiden für die Beschäftigten. Im Westen schließt der zweigeschossige Werkstattbau an. Nach Süden liegen die Werkstätten der Fachabteilungen, etwa Schreinerei und Metallbau, nach Norden große Lagerflächen. Im Obergeschoss folgen weitere Werkstatträume und eine große Kantine. Weil das Obergeschoss zurückspringt, entsteht eine begrünte Terrasse mit Sitzplätzen, auf der die Beschäftigten ihre Pausen verbringen können.

„Wir verbauen rund 3.000 Kubikmeter Ortbeton, der in Marktoberdorf angemischt wird, etwa 300 Fertigteile und 350 Tonnen Stahl“, erläutert Matthias Reis, technischer Geschäftsführer der Ernst Höbel GmbH. Das Tragwerk besteht aus Stahlbeton. Im Anlieferungsbereich erhält der Bau eine kerngedämmte Betonfassade, überall sonst eine Holzfassade. Sie entsteht aus Holzrahmenelementen, die samt Fenstern und Fassade in der Werkstatt vorgefertigt und auf der Baustelle nur noch versetzt werden.

Fertigstellung im Sommer 2028

Der Abbruch der Altgebäude ist abgeschlossen, in den kommenden Wochen beginnen die Tiefbauarbeiten. Eine wichtige Hürde ist bereits genommen: Ein Strommast der LEW musste versetzt und erhöht werden, damit der Bau wie geplant möglich ist. Das gelang in nur acht Monaten – Rekordzeit, dank der Unterstützung durch die LEW-Geschäftsführung. Ebenso zügig verlief das Genehmigungsverfahren, wofür sich die Bauherrinnen ausdrücklich bei Landratsamt und Stadt bedankten. Die Fertigstellung ist für Anfang Juli 2028 geplant.

© Ernst Höbel GmbH